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Kurzgeschichten-Auswahl:          Ein wirklicher Albtraum          Chaostheorie in vier Akten          Halloween


Ein wirklicher Albtraum

Ich stieg nachdenklich die Treppen zum Museum hoch. Die Worte meiner Freundin klangen noch in meinem Kopf nach: "Dieses Museum musst du dir angucken. Da bleibt dir die Spucke weg. Ich glaube, ich habe mich noch nie so gegruselt wie dort." Nun, da war ich ja mal gespannt. Wir beide gruseln uns sehr gern. Wir lesen am liebsten Stephen King und schauen uns alles im Kino und Fernsehen an, was so in diesem Genre läuft. Aber was uns besonders gut gefällt, ist der leise Horror. Der, der einen so heimlich anschleicht. Der, bei dem man seine Fantasie einsetzen muss. Also nichts, was man sieht und vor allem nichts Blutiges und Metzgermässiges, das verabscheuten wir zutiefst.

Nun stand ich also vor diesem "Grusel-Museum" - alleine. Meine Freundin meinte, da muss man alleine rein, nur so kann man sich richtig gruseln. Ich zögerte ein wenig, so hautnah wollte ich dann doch nicht mit dem Gruseln Bekanntschaft machen. Aber ich wollte mich nicht blamieren, also drückte ich die schwere, große Türe auf. Nach dem hellen Sonnenschein draußen dauerte es eine Weile bis sich meine Augen an das düstere Licht gewöhnt hatten. Ja, schon der erste Eindruck war wirklich gut. Es sah aus, wie in einem alten verfallenen Schloss. Eine mächtige Treppe lag direkt vor mir, sie führte nach oben. Neben der Treppe war ein Hinweisschild in welchem der Räume man was sehen konnte. Ich studierte das Schild. Rechterhand lag ein Raum, der dem Thema Vampire zugeordnet war. Im Saal zur Linken konnte man Werwölfe bewundern. Weiter hinten lag ein Raum, da schien es um Gespenster zu gehen. Das Komische war, dass ich nirgends eine Kasse entdecken konnte, wo man sich eine Eintrittskarte kaufen konnte. Nun, es sollte mir recht sein, wenn es nichts kostete. Ich beschloss, mit dem hinteren Raum zu beginnen.

Unmittelbar vor der Türe spürte ich, dass mein Herz einen Tick schneller schlug als sonst. Ich schluckte. Da musste ich jetzt durch, wenn ich vor meiner Freundin nicht als Angsthase dastehen wollte. Kurzentschlossen drückte ich die Türklinke und ging hinein. Das Licht war noch einen Deut dunkler als in der Halle und deshalb blieb ich nach zwei Schritten erst mal stehen. Die Tür fiel ins Schloss und ließ mich kurz zusammenzucken. Meine Augen gewöhnten sich auch an dieses Dämmerlicht und nun sah ich es. Vor meinen Augen schienen durchsichtige Wesen in der Luft herumzutanzen. Es sah wirklich sehr echt aus. Nun, ich wusste zwar nicht wie echte Gespenster aussehen, aber so habe ich sie mir jedenfalls immer vorgestellt. "Sieht irre gut aus." Ich fuhr zusammen. Der Mann neben mir schien auch sehr beeindruckt zu sein. "Ja, das finde ich auch," erwiderte ich kurz. "Wie die das so echt aussehend gemacht haben, würde mich schon interessieren," fuhr der Mann fort. "Wahrscheinlich ist das so eine Art Hologramm oder etwas in der Art. Wirklich super." Ich konnte es mir nicht erklären, aber das wollte ich eigentlich auch gar nicht. Schließlich war ich hier, um mich ein wenig zu gruseln und da war es mir relativ egal, wie sie den Effekt zustande gebracht haben. Ich entfernte mich von dem Mann und ging um den mit Seilen abgetrennten Mittelteil des Raumes herum, um mir das Ganze von der anderen Seite anzusehen. Auch von hier sah es sehr echt aus. Schon toll, was man mit der heutigen Technik so alles anstellen kann. Aber sooo gruselig fand ich das bis jetzt noch nicht.

Im Raum mit den Vampiren schien es schon ein wenig grusliger zu sein. Als ich ins Zimmer trat, schwirrten mir gleich ein paar Fledermäuse um die Ohren. Besonders effektvoll war, dass sie in die Mitte des Raumes flogen und sich dort zu verwandeln schienen. Es wurden lebensgroße Figuren in Menschengestalt daraus. Sie waren totenblass im Gesicht, hatten die typischen Vampirzähne und einen rabenschwarzen Umhang an. Es war zwar ein beeindruckendes Schauspiel, aber es gruselte mich noch immer nicht in dem Maße, wie ich es erwartet hatte. So beschloss ich, mir den Raum mit den Werwölfen anzugucken. Ich sah auch genau das, was ich mir so vorgestellt hatte. Der Raum war sehr dunkel, im Hintergrund sah man den Vollmond und in der abgesperrten Mitte des Raumes wand sich ein Mensch in Schmerzen. Er verwandelte sich vor meinen Augen in einen Werwolf. Er sprang in meine Richtung. Ich schrak zusammen und bemerkte, dass nur eine Glasscheibe den Sprung des Werwolfes abhielt, sich auf mich zu stürzen. Es war wirklich sehr realistisch gemacht und man konnten sich des Eindruckes nicht erwehren, dass das ein richtiger Werwolf sei.

Das konnte aber einem eingefleischten Gruselfan wie mir nur ein müdes Lächeln abringen. War ich denn schon so abgebrüht? Oder empfand meine Freundin ein anderes Gruseln als ich? Mir blieb also nur noch das obere Stockwerk. Ich ging an den anderen Besuchern vorbei wieder in die Eingangshalle und stieg die Treppe hoch. Von dem Moment an, als ich die Treppe beschritt, hatte ich das Gefühl, dass mich jemand beobachtete. Kennen Sie auch das Gefühl, das man hat, wenn man meint, man würde beobachtet? Auch hatte ich den Eindruck, die Luft schien sich ein wenig abgekühlt zu haben. Es war ein sehr merkwürdiges Frösteln, das ich jetzt hatte. Stufe für Stufe stieg ich die Treppe hoch und immer hatte ich den Drang, mich umdrehen zu müssen. Es wurde kühler je weiter ich nach oben stieg. Rechts und links schien nichts zu sein, es wurde alles immer verschwommener. Ich drehte mich um. Ich konnte das untere Ende der Treppe nicht mehr erkennen, alles war in einem dunklen Grau verschwunden. Merkwürdig, von unten konnte man das obere Ende der Treppe erkennen, warum war das umgekehrt nicht der Fall?

Ich konnte es mir nicht erklären, aber das schien vermutlich der Sinn der ganzen Sache zu sein. Es sollte mich ja gruseln. Schließlich kam ich oben an und musste mich nun entscheiden, ob ich nach rechts oder nach links gehen sollte. Ich entschied mich für die rechte Seite und ging den Gang entlang an einer Reihe Gemälden von vermutlich längst verstorbenen Leuten vorbei. Ich hatte nur das eigenartige Gefühl, dass die Augen so echt wirkten. Als ich das Gemälde direkt neben mir anschaute, zuckte ich wirklich zusammen. Die Augen waren echt. Die Pupillen bewegten sich tatsächlich. Die Haare in meinem Nacken stellten sich auf. Das war wirklich unheimlich. Schnell ging ich weiter bevor ich es mit der Angst zu tun bekam. Ich ging einfach in das nächstbeste Zimmer.

Ich stand in einer völligen Dunkelheit. Die Tür hinter mir fiel zu und ich konnte nichts, absolut nichts sehen. Ich ging einen Schritt rückwärts, gleich müsste ich die Tür zu fassen bekommen. Ein Schritt war zuwenig, also noch einer. Verdammt, wo war die Tür. Ich bekam es nun tatsächlich mit der Angst zu tun. Ich konnte keinerlei Widerstand ertasten. Keine Tür, keine Wand. Nichts, absolutes schwarzes Nichts. Ich wollte ein Hallo ausrufen, kein Laut kam mir über die Lippen. Ich versuchte es ein zweites und drittes Mal - ohne Erfolg. Ich konnte keinerlei Geräusch machen geschweige denn einen Ton sagen. Nichts schien in dieser Schwärze zu existieren. Ich ging nun in die Knie, damit ich mich auf Knien rutschend vorwärts tasten konnte. Doch was ich fühlte bzw. nicht fühlte ließ mir das helle Entsetzen aufkommen. Ich konnte keinen Boden fühlen. Ich schien in einer völligen Schwärze einfach nur zu schweben. Eine Schwärze die alles in sich verschluckt hatte wie ein schwarzes Loch, das alles verschlang. Keine Materie war mehr da, kein Licht, kein Geräusch.

Verzweifelt versuchte ich vorwärts zu kommen. Ich krabbelte über einen nicht existenten Boden und versuchte zu schreien, doch es geschah - nichts. Urplötzlich hörte ich ein leises "Hallo". Das Grausen überkam mich. Es war mein Hallo, das ich vor ein paar Minuten sagte. Und dann hörte ich noch ein total erschrecktes "Huch". Es war meine Stimme, doch wann hatte ich das gesagt? Im selben Moment spürte ich eine Hand, die meine Hand umklammerte. Ich sagte "Huch", aber es kam kein Ton. Verwirrt erkannte ich, dass dies das "Huch" von gerade eben war. Was war hier los? War denn sogar die Zeit nicht mehr existent? Die Hand umklammerte mich krampfhaft, ich versuchte vor Grauen zu schreien, doch es ging nicht. Mein Herz klopfte in einem dermaßen schnellen Rhythmus, dass ich befürchtete, es könnte mir aus dem Körper hüpfen. Ich hatte noch nie so eine Angst, wie ich sie jetzt hatte. Die Hand ließ mich nicht los. Aber sie war wider Erwarten nicht kalt, das war sehr eigenartig. Ich wollte mit meiner freien Hand diese Hand wegtun, doch ich fand sie nicht. Ich fand meine andere Hand, doch die Hand, die meine Hand hielt, war nicht da. Und doch spürte ich sie genau. Ich will hier raus, war alles, was ich denken konnte. Ich - will - hier - raus ! Plötzlich hörte ich meine zwei weiteren "Hallo"-Versuche und dann einen sehr entsetzten Schrei. Hatte ich den wirklich ausgestoßen?

Mein Magen schien sich umzustülpen. Mir war schlecht und ich hatte das Gefühl, ich würde jeden Moment mein Herz ausspucken. Ich spürte vor Anspannung jeden einzelnen Muskel meines Körpers. Die Augen hatte ich weit aufgerissen, obwohl ich trotzdem nichts erkennen konnte. Es war der blanke Horror. Ich spürte, wie mein Hirn nicht mehr zu einem klaren Gedanken fähig war. Allmählich schien sich mein Entsetzen nicht mehr steigern zu können und ich spürte nur noch, wie mir etwas Kaltes, eine Kette, um den Hals gehängt wurde. Warum - mein Hirn formte nur noch das eine Wort: warum? Dann umfing mich eine ganz andere Schwärze, die gnädige Schwärze der Ohnmacht.

Ich wachte schweißgebadet auf. Das war der schrecklichste Albtraum, den ich jemals hatte. Ich schwor mir, niemals mehr einen Gruselroman vor dem Einschlafen zu lesen. Ich schaute auf die Uhr und bemerkte, dass es schon kurz vor dem Klingeln des Weckers war. So blieb ich noch die paar Minuten liegen um mich ein wenig von dem schrecklichen Traum zu erholen. Das Radio und die neuesten Hits brachten mich wieder auf den Boden der Tatsachen. Diesen Traum musste ich meiner Freundin erzählen. Der Wecker klingelte und ich ging die Küche, um mir einen Kaffee zu machen. Herrlich, wie der Kaffee duftete. Ich freute mich schon auf diesen Genuss. Solange er durch die Kaffeemaschine lief, wollte ich mich unter die Dusche stellen. Ich zog meinen schweißnassen Pyjama aus und ging am Spiegel vorbei in Richtung Dusche. Im Vorbeigehen warf ich einen Blick in den Spiegel und mir gefror das Blut in den Adern. Ich hatte eine mir völlig unbekannte Kette mit einem schweren silbernen Anhänger um meinen Hals und da hatte ich plötzlich eine entsetzliche Gewissheit ...