Einsamkeit
Wenn die Berge der Wolken
sich in den letzten Schein der
roten Abendsonne hüllen.
Wenn die Vögel ihren Gesang
in einer kleinen Sinfonie
ein letztes Mal erklingen
lassen.
Und wenn die Luft sich
erwartungsvoll und schwer
zur Erde neigt.
Ihren schönsten Duft
von Blüten der Sträucher
und von kleinen zahllosen Insekten durchtränkt
zum Ruhen auf den noch
sonnenwarmen Boden haucht.
Dann ist ein weiterer Tag
unseres Lebens gestorben.
Unwiederbringlich und für immer vorbei.
So wie ein Menschenleben stirbt
und nie wiederkehren wird,
so stirbt jeder Tag, wenn der Abend kommt -
und die Grillen zirpen ihn dem Ende zu.
Fast traurig ist mir,
ein wenig melancholisch.
Der lichte Tag verliert sich
in der Dämmerung,
macht rasch der Dunkelheit Platz
und die Nacht beginnt zu leben.
Unzählige Glühwürmchen
schwirren wie kleine Lampions
durch die kühle Luft der Finsternis
und bald wird auch die Grille verstummen.
Kein Gefühl ist zu beschreiben -
und auch dieses Gefühl in mir
ist nicht zu erklären.
Ich möchte weinen, doch warum nur, warum?
Mein Herz ist mir so schwer
und es will mir fast zerspringen.
Was ist das nur,
das unbekannte Gefühl der Traurigkeit.
Fast höre ich süße Melodien,
sind es Träume?
Nein - es ist das Gefühl der Einsamkeit.
© Jeanette Engel, Juni 1983