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Lyrik-Auswahl:          Einsamkeit          Gewitter          Zärtlichkeit          Sichtweisen


Gewitter

Leise noch fegt der Wind über die Wiesen.
Die Gräser neigen sich und bewegen sich wellengleich.
Die schwüle Luft, die gerade noch so schwer
auf der Erde lastete, wird nun weggeblasen.

Kaum spürbar hat sich der Wind verstärkt.
Wölkchen ziehen auf, die sich schnell vermehren.
Eine gewaltige Veränderung geht nun innerhalb
weniger Minuten vor sich.
Die Sonne, die gerade noch die ganze Flur erleuchtet hat,
wird mehr und mehr verdrängt.

Immer mehr Wolken ziehen auf.
Immer dunkler werden sie.
Immer unheimlicher wird das Licht.
Der Wind ist kein Wind mehr.
Er ist schon fast ein Sturm.
Die Bäume neigen ihre Wipfel immer tiefer auf die Erde.
Es ist ein gewaltiges Schauspiel.

Und plötzlich, als ob das Ganze wie von Geisterhand
angehalten worden wäre, ist für den Bruchteil einer
Sekunde Stille.

Totenstille.

Dann - als ob dies nur ein Atemholen gewesen wäre -
fährt ein Blitz durch die Dämmerung und ein gewaltiges
Donnern ist zu hören.
Und fast beruhigend setzt der erlösende Regen ein.
Und wie tausendfach zur selben Zeit über die
ganze Erde verteilt ist ein Gewitter über dem Land.

Ein Gewitter - stark, schön
und doch unheimlich.

© Jeanette Engel, 3.9.1983