Sichtweisen
Spaziergang über weiße Felder.
Nachts kam Schnee, die weiße Pracht.
Liegt auf Bäumen, dick und schwer,
herrlich anzusehen.
Rehe stapfen durch den Wald,
finden weder Gras noch Samen.
Hungernd blicken sie umher,
sind bedauernd anzusehen.
Die blinde Frau von nebenan,
ihr Stock ertastet nur noch Weiches,
die Orientierung fällt ihr schwer.
Sie kann gar nichts sehen.
Autos schleichen auf den Straßen,
Staus und Chaos überall.
Schnee fällt dicht und lautlos nieder,
lässt die Fahrer kaum was sehen.
Kinder jubeln, freuen sich,
Schlitten fahren wollen sie.
Toben durch die weiße Welt,
ihre Freude kann man sehen.
Der Schneepflug fährt durch alle Straßen,
die Fahrer mussten früh aufsteh’n.
Räumen müssen sie die Wege,
der Schnee ist dort nicht mehr zu sehen.
Der alte Nachbar gegenüber schimpft:
“Das hätte nicht mehr müssen sein.“
Gebeugt fegt er den Gehweg frei,
zum sichern Geh’n muss man ihn sehen.
Ein Rollstuhlfahrer bleibt zu Hause,
rausgeh’n kann er heut nicht mehr.
Die weißen Berge hindern ihn,
er kann sie nur von drinnen sehen.
Spaziergang über weiße Felder.
Nachts kam Schnee, die weiße Pracht.
Liegt auf Bäumen, dick und schwer,
herrlich anzusehen.
© Jeanette Engel – März 2007